Protestbrief

Protestbrief- Vorlage -Tod der Erdkunde in der hessischen gymnasialen Oberstufe

Tod der Erdkunde in der hessischen gymnasialen Oberstufe!

Sehr geehrter Herr/ Frau […],

ich wende mich als [Vater, Erdkundelehrer, Fachleiter für Erdkunde am Studienseminar Gießen]

ganz persönlich an Sie, da ich große Befürchtungen habe, dass die Pläne des Kultusministeriums für unser Land, im Speziellen für unsere Kinder negative Folgen haben könnten.

Es geht um die Pläne der Landesregierung das Fach Politik und Wirtschaft in der Sekundarstufe 2 durchgehend verbindlich für alle Schülerinnen und Schüler bis zur Q4 zu machen. Wenn dann Geschichte und PoWi alle 4 Halbjahre verpflichtend sind, was passiert dann mit der Erdkunde? Dann ist das Fach in der Sek 2  tot! Die Jugendlichen haben dann mindestens 6 Stunden mehr Pflichtunterricht, sodass für „freiwillige“ keine Kraft mehr bleiben wird und das losgelöst vom Interesse. Bereits die Verbindlichkeit der Fächer Geschichte und Religion/Ethik haben der Erdkunde zugesetzt, die ja bereits in der E-Phase nicht mehr zu den Pflichtfächern gehört, kommt jetzt noch PoWi als Pflicht dazu, kann man keinem Schüler und keiner Schülerin es über nehmen, wenn ein weiteres Fach nicht auch noch zusätzlich gewählt wird.

Ich kenne die Beweggründe für diese Pläne nicht und gegen eine Stärkung der gesellschaftlichen Bildung ist prinzipiell nichts einzuwenden, aber warum in dieser regiden Art und mit einer derartigen inhaltlichen Einengung?

Wir machen in Erdkunde ganz viel politische Bildung und Demokratieschulung. Außerdem können wir den SuS vieles anbieten, was die anderen Fächer nicht können. Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen, dass eine Landesregierung unter Beteiligung der Partei „Die Grünen“, in deren Wahlprogramm für diese Landtagswahl 66 x die Begrifflichkeit „NACHHALTIG“ steht, gerade das Fach, was für die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung [BNE] steht, zu Grunde richtet.  Ganz zu schweigen von den weiteren Bildungschancen, die fahrlässig den Jugendlichen vorenthalten werden, wie die ganzheitliche, vernetzende Sicht auf aktuelle Themen wie Migration, Klimawandel, Rohstoffversorgung, Energiewende, Verkehrswende, Gentrifizierung etc. unter Berücksichtigung von Natur und Kultur).

Eine echte Wahlfreiheit für ihre Kurse in der Q Phase besteht für die Schülerinnen und Schüler im Aufgabenfeld 2 durch die bereits geltenden Verordnungen schon lange nicht mehr, aber diese neue Setzung führt dazu, dass die kommenden Generationen überhaupt keine Chance haben, sich mit den wichtigen Zukunftsfragen adäquat auseinander zu setzen.

Dass sich die Jugendlichen um ihre Zukunft sorgen, zeigen ja nicht zu Letzt die “Friday for Future“ Demonstrationen, aber wenn man mit den jungen Menschen ins Gespräch z.B. über den Klimawandel kommt, ist ihnen meist doch nur sehr oberflächlich klar, wofür (oder wogegen) sie da eigentlich demonstrieren. Den meisten fehlt nicht nur entsprechendes Wissen, viel problematischer ist, dass eine Verunsicherung um sich greift, wie man sich als junger Mensch in Hessen in der globalisierten und noch dazu digitalisierten Welt zurechtfinden und positionieren kann. Die Geographen sind die Profis im „Orientieren“ und „Vernetzen“. Nur wir können das System „Mensch-Umwelt“ mit den Schülerinnen und Schülern kompetent behandeln. Das Fach Erdkunde bzw. die Geographie kann zur Orientierung in den brennenden Menschheitsfragen sehr viel beitragen. Die wenigen Schülerinnen und Schüler, die derzeit noch im Erdkundeunterricht einer hessischen Oberstufe sitzen, können das bestätigen. Sollen es in Zukunft noch weniger werden? Sollen unsere Kinder noch verunsicherter und orientierungsloser ins Leben entlassen werden? Und das in einem Land, welches mitten in Europa liegt und zu einem nicht unerheblichen Teil in globale Systeme verstrickt ist?

Ist bei einer solchen absehbaren Verunsicherung nicht vorprogrammiert, dass der Ruf nach einfachen Parolen immer lauter wird? Ich will das nicht akzeptieren!

Ich würde Sie bitten, sich dafür einzusetzen, dass diese rigide Setzung, die das HKM plant, nicht in dieser einfachen Form umgesetzt wird.

Warum ist es nicht möglich, wie bisher 2 Halbjahre PoWi Pflicht und dann entweder PoWi oder Erdkunde. Gerade die Themenfelder in der Q3 (Nachhaltige Nutzung von Rohstoffen) und Q4 (Herausforderungen der Zukunft) bietet ebenso großes Potential für die politische Meinungsbildung der jungen Erwachsenen, wie die im Fach PoWi (Internationale Beziehungen im Zeitalter der Globalisierung und Gegenwart und Zukunft in einer globalisierten Welt), wenn auch mit einer anderen Akzentuierung.

 

Mit freundlichen Grüßen